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Giselle in Finnland

„Du bist nicht erwachsen – du fährst in die Ballettferien!“ kommentierte eine Facebook-Freundin neulich in anderem Zusammenhang. Und irgendwie hat sie damit wohl recht, denn die Menschen, die wie ich diesen Sommer eine Woche in Sammatti mitten in der finnischen Pampa verbrachten, um dort in dieser Zeit eine Produktion von Giselle einzustudieren, eint wohl der Mädchentraum vom Ballerinaleben.

Abgesehen von einigen Teenagern, die auf dem besten Weg sind, diesen Traum zu verwirklichen, ist der größte Teil der Teilnehmer dieses Ballettcamps zwischen Anfang 20 und Mitte 40, betreibt Ballett auch nur als Hobby und war sich wohl bewusst, dass das Leben eines Profitänzers harte Arbeit ist. Es am eigenen Leib zu erfahren, ist daher auch eine Lektion in Ehrfurcht vor dieser Kunst und der Arbeit, die dahinter steckt.

Nun sind acht Tage ein ambitionierter Zeitrahmen, um ein ganzes Ballett (mit Ausnahme der Solopartien, die von Profis übernommen werden) einzustudieren. So mussten wir Möchtegern-Ballerinas ranklotzen: Schon um 9.00 Uhr begann die reguläre Ballettstunde. Nach diesem Ritual, das für alle Companies der Welt obligatorisch ist, folgten eine 90-minütige Probeneinheit am Vormittag und eine längere (ca. 2,5 Stunden) am Nachmittag. Vor dem Abendessen dann noch eine Stunde Stretching für Regeneration der geschundenen Waden-, Oberschenkel- und sonstiger Muskeln.

Apropos Essen: Die Verpflegung durch die Restaurantfachschule, auf deren Gelände das ganze Camp stattfindet, ist ausgezeichnet und sehr Tänzer-geeignet. Dass Ballerinas alle magersüchtig sind und nur an ein paar trockenen Salatblättern knabbern, ist ja ohnehin eine Mär, aber allzu schwer sollte das Essen natürlich nicht sein, wenn man direkt anschließend wieder bewegungsfähig sein will. So kam uns allen das reichhaltige und abwechslungsreiche Salatbüffet, die Suppen am Mittag und die „Fisch-Frequenz“ der Woche entgegen. Und nach diesem Tagespensum durften wir uns die leckeren Desserts am Abend auch guten Gewissens schmecken lassen.

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Tanzen in malerischer Kulisse: Die rote Scheune beherbergt die Bühne und Platz für ca. 120 Zuschauer.

Als Bühne und Trainingslocation dient eine alte Scheune, die inzwischen extra für diese jährlichen Aufführungen mit einer Bühnenkonstruktion versehen wurde, auf der ein Tanzboden verlegt wird. Die Kostüme werden von der Ballettschule in Helsinki ausgeliehen, die organisatorisch hinter diesem Camp steckt und für die Bühnendekoration haben Campteilnehmer mit gestalterischem Talent ihre Abende geopfert. Unterrichtet wurden wir diesen Sommer von drei ehemaligen Tänzern des Finnischen Nationalballetts (FNB), die uns mit einer tollen Kombination aus Anspruch und Geduld „quälten“, um am Ende der Woche eine gute Aufführung auf die Bühne zu bringen.  Für das Corps de ballet hieß das vor allem immer wieder „lines, girls!“ – sprich: Haltet eure Position in der Reihe! Lange Beine sind eben auch kein Grund, aus der Reihe zu tanzen!

Ein besonderes Bonbon, neben dem Training durch ehemalige Stars des FNB wie Jarkko Niininen, Minna Tervamäki oder Jane Spackman, war wohl, den Tänzer und Albrecht-Darsteller Michal Krčmář im Training zu erleben: atemberaubende Sprünge, perfekt kontrollierte Drehungen – you name it!

Auch wenn bei uns Hobbytänzern am Ende der Woche längst nicht alles perfekt war, konnte sich das Ergebnis sehen lassen. Hinter der Bühne herrschte ein wildes Vorbereitungsgewusel, als 35 Tänzerinnen ihre Zehen mit Tape oder härteren Drogen (gepriesen sei das Ibuprofen-Spray!) auf zwei Stunden in Spitzenschuhen vorbereiteten, die Bänder wie die Profis an den Strumpfhosen festnähten, um lose heraushängende Enden zu verhinden, und sich gegenseitig in die (mitunter recht engen) Kostüme halfen. Mit Kostüm und Make-up kam plötzlich auch das Gefühl von „es wird ernst“ und die Spannung, die eine Aufführung von einer Probe unterscheidet.

Leider viel zu schnell nach der Aufführung zerstreuten sich die 35 Traumtänzerinnen wieder in alle Welt, aber die eine oder andere trifft man bestimmt auch im nächsten Jahr in Sammatti…

Mehr Bilder von der Aufführung gibt es übrigens hier.

This is Finnish but not the end

Finnisch lernen? Jeder, der sich ein wenig mit Fremdsprachen auskennt, wird wohl sagen: Lass es – zu kompliziert… Es muss also ein akuter Anflug von Größenwahn gewesen sein, der mich dazu trieb, vor ca. zwei Monaten auf Empfehlung von Katrin die App Memrise  genau zu diesem Zweck auszuprobieren.

Nun ist Memrise, wie der Name schon suggeriert, vor allem eine App zum Auswendiglernen, die von Arabisch über Esperanto bis Quechua für so ziemlich jede Sprache (kostenlose) Lektionen bereit stellt, mit der man sich aber auch Hauptstädte, Matheformeln oder Komponistennamen einprägen kann. Als Merkhilfen sollen dabei sogenannte Mems dienen – Illustrationen mit bisweilen aberwitzigen Eselsbrücken zur Muttersprache / ins Englische, die andere Nutzer angelegt haben. Was die App aber nicht kann, ist Grammatikregeln erklären, Deklinations- oder Konjugationstabellen anbieten etc. Beste Voraussetzungen also für eine Sprache, die über 15 Fälle verfügt und in der alles flektiert wird!

Meister Yodas Satzstellung als Gedächtnisstütze für das finnische Wort für "essen".

Yodas Satzstellung als Gedächtnisstütze für das finnische Wort für „essen“.

Angefangen habe ich also mit dem Kurs Beginner’s Finnish, der in 22 Lektionen 550 Wörter Grundwortschatz vermittelt. Schöne Eselsbrücken, hohe Erfolgsquoten beim Wiederholen der Vokabeln – alles schön und gut: Sätze, die nur aus Infinitiven und Nominativen bestehen, begegnen einem in freier Wildbahn aber nunmal leider selten…

Finnisch für Anfänger schien da eine gute Ergänzung, weil der Kurs neben reinen Vokabeln auch alltagstaugliche Phrasen enthält, die zwar auch nicht die darin enthaltenen Flektionen erklären, einen aber immerhin mit verwendbaren Sätzen ausstattet.

„Sprichst du Englisch“ – ein Satz, der viele weitere erübrigen könnte…

Wie steht es also um mein Finnisch, eine Woche bevor ich wieder nach Sammatti reise, um im finnischen Wald eine Woche lang so zu tun, als sei ich eine Ballerina?

Nun ja: Mein Wortschatz beläuft sich auf ca. 500 Vokabeln, die laut Memrise in meinem Langzeitgedächtnis verankert sind. Die finnischen Posts in der Facebook-Gruppe zu dem Tanz-Camp allerdings lassen mich vermuten, dass meine Finnisch-Kenntnisse auch in diesem Jahr allenfalls zum Begrüßen, Bedanken oder zur Belustigung der Einheimischen reichen werden. Aber da die Antwort auf die Frage oben in 99% der Fälle „kyllä“ lautet, ist ja alles easy. Eben: This ist Finnish but not the end…

 

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