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Nähen · Ballett · Musik · Reisen

Monat: Juni 2017

Nähen nach Schnittmustern der Sowjetunion

Wenn Freunde wissen, dass man näht, kommt man hin und wieder zu überraschenden Geschenken – beispielsweise einem Überraschungstütchen aus einem Berliner (Hipster-)Laden für Selbstgemachtes und Selbermacher. Oder einem Modeheft mit Schnittmustern aus der Sowjetunion von 1970.

Das hat Katrin bei ihrem letzten Besuch in Kiew in einem Vintage-Laden entdeckt und im Zuge eines Spargelessens nach Dortmund mitgebracht. Nun ist „Rigas Modes“ für mich zunächst ein Bilderbuch, da die Texte darin auf Russisch sind. Und der erste optische Eindruck ist mindestens so überraschend wie das Geschenk selbst: Es ist keineswegs alles Kittelschürzen-Mode à la Babuschka, sondern einige der Schnittmuster könnte man heute ohne Weiteres verwenden. Zum Beispiel das für den Mantel mit halbrunden Teilungsnähten.

Weitere interessante Feststellungen beim Durchblättern und Entziffern:

  • Auch in der Sowjetunion hatten Stoffballen offenbar eine Standardbreite von 1,40 m
  • für welche Größe die Schnittmuster und der Stoffverbrauch angegeben sind, variiert (nach nicht ersichtlichen Kriterien): Während die Skizzen alle schlanke junge Frauen zeigen, beziehen sich die Angaben für den lila Mantel auf eine (russische) Größe 52, was immerhin einer europäischen Größe 46 entspricht, das A-Linien-Kleid hingegen ist in (russischer) Größe 46 (also Gr. 40 hierzulande) angegeben.
  • man bräuchte viel Geduld, um die Schnittmuster anhand der angegebenen Maße zu übertragen und einige Erfahrung, um sie auch auf andere Größen anzupassen.

Nählatein für Fortgeschrittene

Aber wäre es nicht auch interessant zu wissen, was die Begleittexte zu den Schnitten besagen? Zum Glück kann die Quelle des Geschenks auch hier aushelfen und war so nett eine Übersetzung der ersten Seite zu organisieren. Dort lernen wir, wie praktisch es für 20-jährige Studentinnen ist, wenn sie aus wenigen Kleidungsstücken sieben verschiedene Outfits kreieren können:

Dafür muss man nur zwei Kleidungssätze besitzen: erstens – einen schräg-karierten Rock und eine Weste, und zweitens – einen weißen Faltenrock und eine ärmellöse Tunika, sowie als Ergänzung dazu einen feinen z. B. schwarzen, blauen oder braunen Pullover, zwei Blusen, kariert und einfarbig, am besten in Weiß, einen langen Seidenschal, ein gemustertes Tuch (als Halstuch) und einen einfarbigen Wollschal für die Herbsttage.

Es folgen einige Hinweise zu nützlichen Accessoires, mit denen man das Ganze „pimpen“ könnte und dann eine Beschreibung der Arbeitsschritte: Hals- und Armausschnitte der Weste mit Besätzen versäubern, […], Falte in die Tasche bügeln, eine Blende anstürzen und auf der Tasche absteppen, für die Bluse eine Falte in die Passe der Vorderseite legen und absteppen…

Rigas Modes 1970 Schnittmuster Sowjetunion

Unmittelbare Erkenntnis: Wie verwöhnt ich doch von unseren heutigen Schnittmuster-Anleitungen bin! Wo jeder entscheidende Schritt in E-Books bebildert wird und die häufig auch als YouTube-Tutorials zur Verfügung gestellt werden. Dieses Heft richtet sich wohl nicht an Anfänger!

Wenn ich aber doch einmal übermütig werden sollte, würde ich mir die Seite 12 übersetzen lassen und den Mantel mit der verdeckten Knopfleiste nähen. Direkt nachdem ich gelernt habe, wie man Schnittmuster gradiert.

Eine Laien-Violine in Profi-Händen

Wie es kam, dass Patricia Kopatchinskaja einmal auf meiner Geige spielte

Meine Geige führt seit geraumer Zeit ein Schattendasein: eingesperrt in ihrem Kasten, abgestellt in der Ecke hinter dem Notenständer, der als Ablage für Chornoten dient. Und hätten nicht Komponisten immer wieder einmal Werke geschrieben, in denen eine umgestimmte Geige (zusätzlich zur regulär in Quinten gestimmten) benötigt wird, hätte sich daran wohl aktuell auch nichts geändert.

Doch auf dem Spielplan im Konzerthaus Dortmund standen Kurtágs „Kafka-Fragmente“, eine Vertonung kurzer Notizen, Aphorismen und Miniaturen von Franz Kafka für Sopran und Violine. Und drei dieser kleinen Stücke erfordern entweder eine umgestimmte Geige oder dass der Interpret beim Spielen an den Wirbeln dreht und sie hörbar verstimmt. Damit das Profi-Instrument unmittelbar danach wieder reine Töne produzieren kann, ist es üblich, ein zweites Instrument zur Hand zu haben, um  ohne eine Stimmpause weiterspielen zu können.

In prominenter Gesellschaft

Patricia Kopatchinskaja, die Solistin der „Kafka-Fragmente“, hätte natürlich selbst eine zweite Geige mitbringen können. Doch da sie direkt aus den USA anreiste, war das nicht möglich und ihre Agentur bat das Konzerthaus, ein weiteres Instrument zu organisieren. Nun könnte man meinen, dass Musiker dieses Kalibers nicht auf irgendeinem Instrument spielen. Doch das ist keineswegs ungewöhnlich und das Management betonte, es müsse keine besonders wertvolle Geige sein – wohl auch, weil die verzerrten Klänge ja Teil der Komposition sind und die veränderte Saitenspannung ohnehin keinen authentischen Eindruck der Qualitäten eines Instruments erlaubt.

Da mein Laien-Instrument zuvor schon verschiedenen anderen Weltklasse-Geigern (Carolin Widmann, Janine Jansen und Pekka Kuusisto) getaugt hatte, um Bartóks „Kontraste“ darauf zu spielen, kam der Kollege also auch in diesem Fall auf mich und meine vernachlässigte Geige zu, die so wieder einmal einen Moment im Rampenlicht der Konzerthaus-Bühne stehen durfte.

Laien- vs. Profi-Instrument

Wie klang sie also nun – meine Amateur-Geige, verglichen mit Patricia Kopatchinskajas Pressenda von 1834? (Der Geigenbau-Zettel in besagter Amateur-Geige weist sie zwar als Instrument aus Cremona aus dem Jahr Siebzehnhundertungerade aus, doch diesen Zettel hat nach Expertenmeinung wohl eher ein bescheidener, wenn auch geschäftstüchtiger Geigenbauer aus Sachsen im späten 19. Jahrhundert dorthin geklebt.)

Da nun wie gesagt die Saitenspannung bei der Beurteilung des Klangs natürlich eine wichtige Rolle spielt, scheint es nicht verwunderlich, dass meine Geige etwas wärmer, hauchiger und weniger durchdringend klang, da ihre Saiten tiefer gestimmt waren. Doch wie schon die drei oben genannten Vorgänger bestätigte auch Patricia Kopatchinskaja nach dem Konzert, dass dies ein gutes Instrument sei, das sich wohltuend von den Zigarrenkästen abhebt, die sie sonst in diesem Werk manchmal spielt.

Und während ich bislang nie auf die Idee gekommen war, die prominenten Geiger ihre Nutzung meines Instruments „quittieren“ zu lassen, bat ich Patricia Kopatchinskaja um ein entsprechendes Autogramm. Ob es den Wert meiner Geige steigert, sei dahingestellt – die ohnehin bewegte (Familien-)geschichte dieser Violine ist nun jedenfalls um ein Kapitel reicher.

Patricia Kopatchinskaja Konzerthaus Dortmund Violine

Ella für Elfen: Kleid zu verschenken

Manchmal muss man auf die harte Tour lernen: Kaum ein Tutorial, Forum oder Nähblog, der nicht ausdrücklich darauf hinweist, dass man vor dem Zuschnitt in einer bestimmten Größe die Maßtabelle des Schnittmusters studieren soll. Kaufgrößen und „Nähgrößen“ können sich nämlich bisweilen deutlich unterscheiden. Außerdem hat man natürlich beim Selbernähen die Möglichkeit, Größen zu kombinieren (beispielsweise oben eine 38, an der Hüfte eine 40). Da ich im Normalfall mit einer Größe 38 bei pattydoo-Schnittmustern gut gefahren bin, hatte ich auch das Schnittmuster für das Kleid Ella in der Größe ausgeschnitten. Ein Fehler, wie sich zeigen sollte.

Seit langem lag ein Trigema-Coupon in meinem Stoffvorrat – genau die richtige Menge für ein Sommerkleid mit amerikanischem Ausschnitt und kurzen Ärmeln. Ein solches Kleid gibt es nun auch, jedoch nicht für mich. Denn nachdem Ober- und Unterteil verbunden waren und die Schneiderin zur Anprobe hineinschlüpfen wollte, zeigte sich die Fehlentscheidung, das Schnittmuster auf gut Glück in Größe 38 zu nähen: Schon an den Schultern war Ende – keine Chance, das Kleid überhaupt ganz überzustreifen.

Ein Blick in die Größentabelle ergab: Tatsächlich wäre wohl die Größe E passender gewesen, wobei das zu klein geratene Kleid auch der zierlichen Kollegin, der ich es hätte vererben können, nicht passte. Vielleicht ist also beim Nähen noch mehr schief gelaufen…

Doch des einen Leid könnte des anderen Freud sein: Bevor dieses Kleid nun in den Altkleider-Container wandert, freue ich mich, wenn es hier einen Abnehmer findet. Wer passt rein und gibt diesem Kleid aus violetter Baumwolle mit gelben Bündchen ein Zuhause? Dies sind die Endmaße des Kleids:

Schulterbreite 32 cm
Brustumfang 78 cm
Taillenumfang 70 cm
Gesamtlänge 84 cm

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