kakakiri

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Monat: August 2015

Giselle in Finnland

„Du bist nicht erwachsen – du fährst in die Ballettferien!“ kommentierte eine Facebook-Freundin neulich in anderem Zusammenhang. Und irgendwie hat sie damit wohl recht, denn die Menschen, die wie ich diesen Sommer eine Woche in Sammatti mitten in der finnischen Pampa verbrachten, um dort in dieser Zeit eine Produktion von Giselle einzustudieren, eint wohl der Mädchentraum vom Ballerinaleben.

Abgesehen von einigen Teenagern, die auf dem besten Weg sind, diesen Traum zu verwirklichen, ist der größte Teil der Teilnehmer dieses Ballettcamps zwischen Anfang 20 und Mitte 40, betreibt Ballett auch nur als Hobby und war sich wohl bewusst, dass das Leben eines Profitänzers harte Arbeit ist. Es am eigenen Leib zu erfahren, ist daher auch eine Lektion in Ehrfurcht vor dieser Kunst und der Arbeit, die dahinter steckt.

Nun sind acht Tage ein ambitionierter Zeitrahmen, um ein ganzes Ballett (mit Ausnahme der Solopartien, die von Profis übernommen werden) einzustudieren. So mussten wir Möchtegern-Ballerinas ranklotzen: Schon um 9.00 Uhr begann die reguläre Ballettstunde. Nach diesem Ritual, das für alle Companies der Welt obligatorisch ist, folgten eine 90-minütige Probeneinheit am Vormittag und eine längere (ca. 2,5 Stunden) am Nachmittag. Vor dem Abendessen dann noch eine Stunde Stretching für Regeneration der geschundenen Waden-, Oberschenkel- und sonstiger Muskeln.

Apropos Essen: Die Verpflegung durch die Restaurantfachschule, auf deren Gelände das ganze Camp stattfindet, ist ausgezeichnet und sehr Tänzer-geeignet. Dass Ballerinas alle magersüchtig sind und nur an ein paar trockenen Salatblättern knabbern, ist ja ohnehin eine Mär, aber allzu schwer sollte das Essen natürlich nicht sein, wenn man direkt anschließend wieder bewegungsfähig sein will. So kam uns allen das reichhaltige und abwechslungsreiche Salatbüffet, die Suppen am Mittag und die „Fisch-Frequenz“ der Woche entgegen. Und nach diesem Tagespensum durften wir uns die leckeren Desserts am Abend auch guten Gewissens schmecken lassen.

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Tanzen in malerischer Kulisse: Die rote Scheune beherbergt die Bühne und Platz für ca. 120 Zuschauer.

Als Bühne und Trainingslocation dient eine alte Scheune, die inzwischen extra für diese jährlichen Aufführungen mit einer Bühnenkonstruktion versehen wurde, auf der ein Tanzboden verlegt wird. Die Kostüme werden von der Ballettschule in Helsinki ausgeliehen, die organisatorisch hinter diesem Camp steckt und für die Bühnendekoration haben Campteilnehmer mit gestalterischem Talent ihre Abende geopfert. Unterrichtet wurden wir diesen Sommer von drei ehemaligen Tänzern des Finnischen Nationalballetts (FNB), die uns mit einer tollen Kombination aus Anspruch und Geduld „quälten“, um am Ende der Woche eine gute Aufführung auf die Bühne zu bringen.  Für das Corps de ballet hieß das vor allem immer wieder „lines, girls!“ – sprich: Haltet eure Position in der Reihe! Lange Beine sind eben auch kein Grund, aus der Reihe zu tanzen!

Ein besonderes Bonbon, neben dem Training durch ehemalige Stars des FNB wie Jarkko Niininen, Minna Tervamäki oder Jane Spackman, war wohl, den Tänzer und Albrecht-Darsteller Michal Krčmář im Training zu erleben: atemberaubende Sprünge, perfekt kontrollierte Drehungen – you name it!

Auch wenn bei uns Hobbytänzern am Ende der Woche längst nicht alles perfekt war, konnte sich das Ergebnis sehen lassen. Hinter der Bühne herrschte ein wildes Vorbereitungsgewusel, als 35 Tänzerinnen ihre Zehen mit Tape oder härteren Drogen (gepriesen sei das Ibuprofen-Spray!) auf zwei Stunden in Spitzenschuhen vorbereiteten, die Bänder wie die Profis an den Strumpfhosen festnähten, um lose heraushängende Enden zu verhinden, und sich gegenseitig in die (mitunter recht engen) Kostüme halfen. Mit Kostüm und Make-up kam plötzlich auch das Gefühl von „es wird ernst“ und die Spannung, die eine Aufführung von einer Probe unterscheidet.

Leider viel zu schnell nach der Aufführung zerstreuten sich die 35 Traumtänzerinnen wieder in alle Welt, aber die eine oder andere trifft man bestimmt auch im nächsten Jahr in Sammatti…

Mehr Bilder von der Aufführung gibt es übrigens hier.

Versuchs-kaka-ninchen

oder: Facebook im Dienste der Wissenschaft

Seit Herbst liest ein fremder Mann meine Facebook-Posts mit. Phishing? Datenklau?

Eher Datensammlung, denn er tut dies mit meiner Genehmigung. Freundschaftsanfragen von Fremden lehne ich eigentlich per se ab, in diesem Fall wurde sie aber von einer gemeinsamen Freundin angebahnt und angekündigt: Lars war auf der Suche nach Freiwilligen, die ihm ihre Chronik für eine linguistische Studie einsehbar machen würden. Sprachnerd bin ich sowieso und die Kriterien* erfüllte ich alle – da war meine Neugier geweckt und ich meldete mich als Beobachtungsobjekt. Untersucht werden sollte die Frage, welcher Sprache sich diejenigen Facebook-Nutzer wann bedienen, die neben Deutsch auch Englisch gut beherrschen. Sprich: Wovon ist die Wahl der Sprache eines Posts abhängig und werden eventuell auch Sprachen gemixt?

Lars studierte also meine Posts der Vergangenheit und las seit November 2014 live mit, was ich so von mir gab. Nun sind meine Facebook-Aktivitäten ja gar nicht so rege, aber offenbar ließ sich dennoch genug daraus entnehmen, wie ich feststellte, als ich kürzlich den fertigen Aufsatz zu lesen bekam. Durch seine Beobachtungen zu meiner Sprachwahl in Facebook-Posts in Verbindung mit einigen Fragen, die Lars mir zusätzlich noch zu meinem Facebook-Nutzungsverhalten und zur Zusammensetzung meines Freundeskreises gestellt hatte, wurde ich so zu einem von sieben anonymisierten Datensätzen. (Wer mich kennt, errät sicher schnell, hinter welchem Pseudonym ich mich verstecke.)

Übrigens offenbarten Lars‘ Fragen auch mir selbst interessante Erkenntnisse über meinen Freundeskreis: Nur knapp 10 % sind englische Muttersprachler und weitere 12 % sprechen muttersprachlich weder englisch noch deutsch (beherrschen aber Englisch als Zweitsprache). Diese Relationen waren bei mir allenfalls ein Bauchgefühl.

Was hat die Analyse meiner und der Facebook-Pinnwand anderer nun also gezeigt? Wer sich für die linguistischen Details interessiert, kann den gesamten Artikel hier nachlesen. Mir selbst sind zudem noch einige Dinge aufgefallen:

  1. Ich äußere mich deutlich häufiger in Songzitaten als mir bewusst war.
  2. Man kann sich mehr Gedanken zu Interpunktion und semantischer Genauigkeit innerhalb meiner Facebook-Posts machen als ihnen angemessen ist.
  3. Meine „Schwedophilie“ führte zu einem kuriosen Einzelfall innerhalb des Facebook-Sprachverhaltens der untersuchten Stichprobe. Davon abgesehen ticke ich aber im Sinne der Stichprobe völlig „normal“
  4. Der Anspruch an Facebook-Posts wird in Zukunft nicht nur sein, sie möglichst geistreich, sondern darüber hinaus linguistisch interessant und relevant zu gestalten…

 

*

  • Deutsch ist Muttersprache
  • Englisch ist nicht Muttersprache, wird aber als Zweitsprache gut beherrscht
  • in Deutschland zur Schule gegangen
  • lebt in Deutschland
  • ist erwachsen

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